Nummerierung überflüssig

In Bedienungsanleitungen, Gebrauchsanweisungen und anderen Produktinformationen gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, mit Nummerierungen zu arbeiten. Viele Menschen mögen es ordentlich und hätten am liebsten alles durchnummeriert, Seiten, Bilder, Überschriften, Absätze, Aufzählungen, Handlungsanweisungen, Legenden, Daten, Tabellen, Verzeichnisse und was es sonst noch an Elementen gibt.

Falsch!

Zahlen sind ordentlich und sorgen für Ordnung, das ist wohl wahr. Ordnung ist sozusagen ein Wesenszug von Zahlen (zumindest von natürlichen). Bei der Anwendung von Zahlen geht es jedoch nicht um einen Wert an sich, sondern um den sinnvollen (oder überflüssigen) Einsatz einer Funktion. Daher muss man sich immer die Fragen stellen: Welche Funktion erfüllt die Nummerierung? Führt die Nummerierung zu einer Verbesserung oder Erleichterung? Geht es ohne Nummerierung ebenso gut? Wenn ein Ordnungselement keine sinnvolle Funktion übernimmt, ist sein Einsatz überflüssig und bedeutungslos. Gerade in Bedienungsanleitungen und Handbüchern sollte man, dem Leser zuliebe, auf alles Überflüssige verzichten. Die Konzentration auf das Wichtige erleichtert das Lesen – und macht Handbücher dünner. Der Leser wird nicht abgelenkt durch Informationen ohne Wert.

Welche Nummmerierungen haben einen Wert und welche sind verzichtbar?

Zuerst das Einfache. Seitenzahlen sind wichtig. Nicht bei einem achtseitigen Prospekt, da kann man schwerlich den Überblick verlieren. Aber wenn ein Inhaltsverzeichnis vorhanden ist, dann funktioniert dieses nur mit paginierten Seiten. Faustregel: Gibt es ein Inhaltsverzeichnis, dann braucht es Seitenzahlen. Gilt übrigens auch für das Stichwortverzeichnis.

Schon schwerer: nummerierte Überschriften. Überflüssig! Heute werden alle Dokumente am Computer erstellt und zumindest mit einem minimalen Layout versehen. Eine Hierarchie der Überschriften lässt sich also durch ganz einfache typografische Maßnahmen deutlich sichtbar machen. Hauptüberschriften sind groß und fett und nachfolgende Ebenen schrittweise kleiner. Wozu also noch eine Nummerierung? Wird der Inhalt oder die Funktion einer Überschrift verständlicher durch eine vorangestellte »2.8.19.6«? Nein. Sagt diese Zahlenkette etwas über den Inhalt des nachfolgenden Textabschnitts aus? Nein. Wird eine Überschrift unverständlich, wenn sie nur aus Text ohne vorangestellte Zahlen besteht? Nein. Also: weg mit der Nummerierung! Übrigens stammt diese Form der Verdeutlichung von Überschriftenhierachien aus der Zeit der Schreibmaschine. Insbesondere bei wissenschaftlichen Arbeiten, die als Einzelwerke erstellt wurden, also nicht von einem Setzer in der Druckerei gestaltet wurden, diente die Nummerierung tatsächlich zur Verdeutlichung. Eine Schreibmaschine kann eben nur eine einzige Schriftgröße, und da brauchte man ein Hilfsmittel wie die vorangestellte Zahl.

Was ist mit Handlungsanweisungen in Gebrauchsanleitungen? Genügen Spiegelstriche oder ähnliche Symbole, die zeigen, wo der nächste Handlungsschritt anfängt? Oder ist eine Nummerierung 1., 2., 3., 4., 5. notwendig?

Wer käme auf die Idee, mit dem ersten Schritt anzufangen, dann den vierten auszuführen und danach den zweiten und den dritten? Niemand? Wozu dann eine Nummerierung?

Noch ein letztes Beispiel. Viele Autoren oder Herausgeber von Broschüren und anderer technischer Literatur haben den verständlichen Wunsch, ihre eigene Arbeit zu ordnen. Das führt zu rein verwaltungstechnischen Ordnungsmerkmalen, die vielleicht der jeweiligen Abteilung helfen, für Leser aber bestenfalls rätselhaft sind. Bekannt sind auf Broschüren (oft auf der Rückseite) die kryptischen Zahlen-Buchstaben-Ketten, in denen Informationen wie Erstellungsdatum, Verantwortlichkeit, Version, Druckerei, Auflage, Anlass und Produktreihe zusammengefasst sind, etwa so: HKT_08-2009_EN-5-ProdMg/Div-Meck27_V2. Hochinteressant für den Adressaten einer Werbebroschüre, nicht wahr? Kleiner Tipp: So etwas kann man auch im Dateinamen unterbringen und dann sogar gezielt in der EDV danach suchen. In diesem Zusammenhang auch sehr beliebt ist das Nummerieren von Abbildungen, mal ganz einfach von »Abb. 001« bis «Abb. 176«, mal in Kombination mit der Überschriften- oder Kapitelnummerierung »Bild 7.12-003« und mal ganz verschwurbelt als Verwaltungsnummer für das interne Dokumentenmangement »678.3245892387-eu«. Weg damit!

Fazit: Alles, was nicht zur Verständlichkeit beiträgt oder notwendig für den Inhalt ist, lenkt nur ab. Ablenkung ist kontraproduktiv, eine kluge Regel aus der Werbung lautet »Don’t make me think!«.

10 Antworten auf Nummerierung überflüssig

  1. Redakteuse sagt:

    Ich stimm in vielen Punkten zu – man hat sich da teilweise an Konventionen gewöhnt, die man gar nicht mehr in Frage stellt, wie z.B. die Überschriftennummerierung. Allerdings glaub ich kaum, dass eine Anleitung ohne Nummerierung dünner wird ;-)

    Und die Konvention Handlungsschritte zu nummerieren, werde ich persönlich beibehalten, weil es eine Konvention ist, an die der Nutzer langjährig gewöhnt ist und die er sofort als Handlungsschritt erkennt. Im Prinzip ist es natürlich egal, ob Strich oder Nummer, aber die Nummer schadet doch hier nicht!

    Und bei Abbildungen würde ich auch nicht drauf verzichten, insbes. wenn man mehrere Abbildungen benutzen muss und sie im Text irgendwie unterscheiden muss.

  2. klare Texte + Bilder sagt:

    Sie werden mir nicht böse sein, wenn ich widerspreche, liebe Redakteuse?

    Ums dünner werden geht es nicht. Es geht um die Reduzierung von Informationen. Informationen müssen immer zuerst wahrgenommen und bewertet werden, bevor die Entscheidung fällt, sie zu nutzen oder nicht. Überschriftennummerierung erfüllt keine Funktion, ist also eine nutzlose Information. Warum soll man seinen Lesern nutzlose Informationen zumuten? Sie lenken nur vom Wesentlichen ab.

    Die Nummerierung von Handlungsschriten ist keineswegs eine Konvention; sie eine Möglichkeit der Auszeichnung von mehreren. Als Nummerierung, um eine Reihenfolge anzuzeigen, ist sie irrelevant. Ballast. Es wird eine Bedeutung suggeriert, wo keine ist.

    Nur weil etwas seit Jahren so gemacht wird, ist es nicht unbedingt gut. Das kundenunfreundliche Verhalten von Bahn und Telefonanbietern ist auch eine »Konvention«, an die man sich gewöhnt hat. Geben wir diesem Verhalten jetzt deshalb einen Freibrief?

    Abbildungen benötigen keine separate Verbindung zum Text, wenn sie an der richtigen Stelle stehen, nämlich beim bezugnehmenden Text. Einzelheiten innerhalb einer Abbildung müssen natürlich nummeriert werden, wenn ein Text mehrere Bezüge enthält (etwa »Klappe (1) öffnen und Riegel (4) bis zum Ventil (3) zurückziehen.«).

    Gruß vom sonnigen Rheinufer

  3. snix sagt:

    Einen Vorteil der Nummerierung von Handlungsschritten sehe ich in der Usability.

    Wenn ich den Anwender in Schritt 4. auffordere eine Aktion auszuführen, fällt es ihm dank der Nummerierung leichter den nächsten Schritt aufzufinden, wenn er sich wieder dem Handbuch zuwendet.

    Über die Nummerierung der Bilder habe ich bisher noch gar nicht nachgedacht …

  4. klare Texte + Bilder sagt:

    Diese Hypothese geht von der Annahme aus, dass ein Leser sich die letzte Nummer merkt, bevor er sich abwendet, um eine Handlung auszuführen. Anwendertests haben jedoch gezeigt, dass dem nicht so ist.

    Vielmehr erinnern sich Leser an das zuletzt wahrgenommene Signalwort und suchen dieses im Text, um dann mit den nächsten Schrit fortzufahren. Das spricht übrigens für Textauszeichnungen, wie sie z.B. in Softwareanleitungen üblich sind, in denen Menünamen oder Funktionsnamen in fetter Schrift ausgezeichnet sind.

  5. Marcel sagt:

    Hmm, in Anlehnung an snix’ Einwand: Wenn man in einer Schrittfolge Schritte hat, die unter bestimmten Bedingungen zu überspringen oder zu wiederholen sind, kann man mit einer Nummerierung klar sagen: Wenn xy, dann mach’ bei Schritt 5 weiter. Ohne Nummerierung müsste man mit “nächster Schritt”, “übernächster Schritt” usw. arbeiten, bei Wiederholungen “wiederholen Sie den vor-vorherigen Schritt” statt “wiederholen Sie Schritt 2″ usw. (Die Eleganz von Sprüngen in Schrittfolgen ist ein anderes Thema.) Ich stimme auch Redakteuse zu: Nummerierung von Schrittfolgen ist Konvention. Kapitelnummerierungen sind m.E. auch nicht generell überflüssig. Je nach Lesegewohnheit können sie (in Drucksachen) hilfreich bei Querverweisen sein. Die Überschrift selbst wird dadurch natürlich nicht verständlicher. Aber Ihre Anregung, überflüssige Nummerierungen (und überhaupt alles Überflüssige) zu meiden, ist selbstredend sinnvoll. Danke!

  6. klare Texte + Bilder sagt:

    Wenn in einer Handlungssequenz Entscheidungen zu fällen sind, Alternativen geboten werden oder Sprünge(vor oder zurück) enthalten sind, dann stimmt die Struktur nicht. Eine Anforderung an Handlungssequenzen ist Linearität. Die Handlungsfolge beginnt mit dem ersten Schritt und endet mit dem letzten. Übersprungen wird kein Schritt. Nur so ist eine klare und unzweifelhafte Abfolge gewährleitet und damit ein leichtes Lesen, Verstehen und Umsetzen.

    Aus Gründen der Effizienz (für den Autor) gibt es leider immer noch häufig die Angewohntheit, innerhalb einer Sequenz den Ablauf zu splitten, das heißt, alternative Wege anzubieten. Dies ist nicht sinnvoll. Alternativen und die Konsequenzen daraus müssen vor Beginn der Handlungssequenz erläutert werden. Die Entscheidung für die passende muss der Handelnde vor Beginn der Handlungssequenz treffen. Danach geht’s nur noch in einem Rutsch durch.

    Ganz schlimm sind ist in diesem Zusammenhang das leider auch immer noch anzutreffende »in umgekehrter Reihenfolge«.
    Eintscheidend ist nicht, wie schnell der Autor einer Anleitung mit seiner Arbeit fertig ist, sondern wie leicht Handlungen von Handelnden umzusetzen sind. Ohne Unterbrechung, ohne neue überraschende Informationen, ohne Blättern, ohne Springen.

    »Konvention« ist ein Argument, das ich nicht gelten lassen kann, denn es sagt inhaltlich nichts aus. Konvention ist auch das Papierformat DIN A4. Für eine Anleitung, die idealerweise oberhalb der Tastatur liegt, würde ich dennoch ein anderes Format empfehlen.

  7. Dummkopf sagt:

    Ich merke gerade das ich diesen Blog deutlich öfter lesen sollte- da kommt man echt auf Ideen.

  8. klare Texte + Bilder sagt:

    Das stimmt; man lernt halt nie aus. Und ich merke gerade, dass auch Spam-Kommentare ihren Reiz haben (wenn man Absender und Backlink löscht).

  9. Knallfrosch sagt:

    Also mir erscheint der Einsatz von Nummerierungen weder für die Dokumentenstruktur noch für Handlungsanweisungen als überflüssig. Es handelt sich um einen zusätzlich angebotenen Orientierungspunkt UND es stört doch niemanden. Haben Sie schon ein mal an User gedacht, die schlecht oder gar nicht sehen und sich den Text am Rechner vorlesen lassen ?
    Zudem nimmt mir die Verwendung von Spiegelstrichen für Handlungsanweisungen die Möglichkeit, mit diesen einen nicht-instruktiven Informationstypus “Liste” optisch von der Anweisung abzugrenzen.
    Und Anwendertests glaube ich nur, wenn ich die Ergebnisse selbst interpretieren durfte.

  10. klare Texte + Bilder sagt:

    Das originelle Beispiel mit den sehbehinderten Anwendern leuchtet mir als Argument für Nummerierungen nicht ein. Ich stelle mir vor, dass jemand, der vorliest, über ausreichende Beobachtungsgabe verfügt, um erst dann weiterzulesen, wenn ein Schritt abgearbeitet oder verstanden wurde.

    Außer Strichen gibt es zur Kennzeichnung von Listen noch Punkte, Dreiecke, Rechtecke, …

    Aber man kann es natürlich auch anders sehen.

    Schöne Weihnachtstage an alle Leser!

    PS: Ich glaube an Meinungen nur, wenn sie durch Fakten untermauert sind.

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