Mit Multitasking den Verstand verlieren?

»Wir werden mit dem gleichen Gehirn geboren wie die Steinzeitmenschen vor 40.000 Jahren. Ungleich höher als damals ist jedoch die Menge und Komplexität der Informationen, die auf uns einströmen. Wer in einem Büro arbeitet, ist im Schnitt jede dritte Minute einer Unterbrechung ausgesetzt; auf dem Bildschirm eines Computers sind durchschnittlich acht Fenster gleichzeitig geöffnet. Kein Wunder also, wenn wir zuweilen das Gefühl haben, dass unser Fassungsvermögen nicht wirklich ausreicht.« Soweit ein Zitat aus dem Klappentext des bei Beck erschienenen Sachbuchs »Multitasking« des Autors Torkel Klingberg.

Professor Klingberg ist weltweit angesehener Neurowissenschaftler am renommierten Karolinska-Institut in Stockholm und beschäftigt sich mit den neurologischen Mechanismen des Konzentrationsvermögens und des Arbeitsgedächtnisses.

Der Untertitel der deutschen Übersetzung »Wie man die Informationsflut bewältigt ohne den Verstand zu verlieren« trifft den Ton des Buchs besser als das schwedische Original »Den översvämmade hjärnan«. Der Autor will beruhigen und schreibt entsprechend entspannt. Mühelos lesbar und unterhaltsam sind seine Berichte aus der Forschung; die Studien sind mit Anekdoten aus dem Alltag erfrischend angereichert. Das Buch ist kein Ratgeber, auch wenn es den Eindruck erweckt. Professor Klingberg begegnet dem Problem der Überlastung durch Informationsüberfluss mit der ur-amerikanischen Philosophie »Problem erkannt – Gefahr gebannt.« Macht euch keine Sorgen, will er uns beruhigen, das Hirn passt sich an. Nachhelfen kann man mit Übungen zum Gedächtnistraining, die Herr Professor, nebenbei bemerkt, professionell vermarktet. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Immerhin, das Thema trifft den Nerv und die Angst des modernen Menschen. Die Angst, im Ozean der E-Mails und Twitter-Rufe den Kopf nicht mehr über Wasser halten zu können, die Angst, in den Fluten der Information abzusaufen, den Leistungsanforderunen nicht mehr gerecht zu werden, nicht mehr Herr über sein Leben zu sein. Früher oder später fragt sich so mancher, ob er noch alle Latten auf dem Zaun hat. Klingberg mahnt zur Entspannung und empfiehlt ein gewisse Distanziertheit. Wer die Herausforderung sportlich nimmt, sei weniger gestresst und bleibe souverän. Im übrigen nennt auch er die einschlägigen Tipps: Reize vermindern, Arbeitsanweisungen eindeutig formulieren, Grenzen setzen usw. Dann muss man den Nachwuchs – oder sich selbst – auch nicht mit Amphetamin-Substanzen wie Ritalin traktieren.

(Siehe auch: »Multitasking ist eine Illusion«)

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