Minus-Tendenz im Internet

In der ersten Zeit ging es noch gut. Doch irgendwann, etwa gleichzeitig mit dem Platzen der großen Dotcom-Blase, änderte sich der Sprachgebrauch. Folgte hier das Wort der Wirklichkeit?

Die Rede ist von der mündlichen Übermittlung von Internet-Adressen, also den Namen von Websites, nach dem üblichen http://www. Viele von diesen Adressen verwenden aus Gründen der besseren Lesbarkeit einen Bindestrich zwischen den einzelnen Sinnelementen. Statt accessforall.ch zum Beispiel access-for-all.ch. Wenn man jemandem früher eine solche Adresse mündlich weitergab, hörte sich das etwa so an: »Vau Deh Ih Bindestrich Nachrichten Punkt Komm«. Heute sagt alle Welt: »Vau Deh Ih Minus Nachrichten Punkt Komm«. Minus-Nachrichten? Eine Website nur für schlechte Nachrichten? Wohl kaum.

Wie konnte es passieren, dass aus dem schönen Bindestrich mit seinen positiven Assoziationen von Bindung, Verbundenheit, Anziehung und Verlockung ein schnödes, mißmutiges, pessimistisches Minus wurde? Sind wieder mal die Amerikaner Schuld mit ihrem englischen Sprachimperialismus? (Wobei von Imperialismus ja nicht die Rede sein kann, es handelt sich hierzulande wohl eher um eine freiwillige Unterwerfung.) Ich weiß es nicht. Es ist auch unwichtig.

Rettet den Bindestrich! Nachdem schon die schönste Ligatur der deutschen Schrift, das ß, von der Ausrottung bedroht ist, lasst uns wenigstens den Bindestrich noch eine Zeit lang hegen und pflegen. Er dankt es uns mit positiver Verbundenheit.

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