Fachsprachen und Sprachpannen

Leute, die sich auf einem Gebiet besonders gut auskennen, tappen früher oder später in die Falle der professionellen Klugscheißerei: sie wissen alles und oft auch noch besser. Insbesondere Lehrer stehen in diesem eher zweifelhaften Ruf. Oft beruhen die erstaunlichen Kenntnisse schlicht auf dem korrekten Umgang mit der Fachsprache einer bestimmten Berufsgruppe. Die Sprache der Jäger etwa hält besonders schöne Beispiele bereit.

Auch für Technische Redakteure ist es immens wichtig, die Fachsprachen ihrer Arbeitsgebiete zu kennen und zu beherrschen. Das Gemeine dabei ist, dass viele Begriffe oft gar nicht als Fachwörter identifizierbar sind, wenn man deren Bedeutung in bestimmten Zusammenhängen nicht kennt. Der »Taupunkt« zum Beispiel hat nichts mit der morgendlichen Wiesenfeuchtigkeit zu tun und »Hurenkinder« nichts mit käuflichem Sex.

Auf diese Gemeinheit ist sogar der Duden-Kalender »Auf gut Deutsch! 2011« hereingefallen. In Form eines Abreißkalenders werden hier allerlei Themen der deutschen Sprache behandelt und mit mehr oder weniger klugen Bemerkungen versehen.

In der Rubrik »Sprachpannen« wurde uns heute mit der süffisant formulierten Frage »Hülsenfrüchte zum Segeln?« die vermeintlich falsche Überschrift aus einem Seglermagazin präsentiert:

»Leinen los und Schoten dicht!«

Diese professionelle Klugscheißerei ging – um mal im Bild zu bleiben – voll in die Hose.

Mit gewisser Häme erklärt die Rückseite des Blattes, dass Segelschiffe früher zwar Säcke mit Hülsenfrüchten transportiert haben, mit der Redensart »die Schotten dicht machen« jedoch etwas ganz anderes gemeint ist, nämlich das Verschließen der Querwände eines Schiffes.

Das mit den Querwänden stimmt. Aber das heißt nicht automatisch, dass »Schoten« (mit nur einem t) ein Schreibfehler sind. Neben den Schotten gibt es in der Fachsprache des Segelns tatsächlich auch die Schoten. Schoten sind Leinen, mit denen die Segel bedient werden. Genauer: an »Fallen« werden Segel hinaufgezogen und herabgelassen, mit den »Schoten« werden sie gelenkt, das heißt, in eine bestimmte Position zum Wind gebracht.

Die bemängelte Überschrift des Seglermagazins (!) lautet demzufolge vollkommen korrekt: »Leinen los und Schoten dicht!« und ist keineswegs eine Sprachpanne.

Unter »Dichtholen« versteht man das Heranziehen einer Schot, sodass sich das Segel spannt und die Energie des Windes aufnimmt. In der Folge nimmt das Boot Fahrt auf. Übersetzt heißt »Leinen los und Schoten dicht!« nichts anderes als »Das Boot losbinden und abfahren!«

Tja, so kann es gehen, wenn man eine Fachsprache nicht beherrscht oder noch nicht einmal erkennt. Für uns Technische Redakteure bedeutet das: immer genau hinhören und ohne Scheu nachfragen, wenn auffällig unauffällige Wörter wiederholt von Fachleuten verwendet werden.

Kleiner Tipp: Für viele Fachsprachen gibt es Fachwörterbücher. Hier eine Liste anzulegen, würde allerdings den Rahmen dieses kleinen Magazins sprengen.

 

 

Eine Antwort auf Fachsprachen und Sprachpannen

  1. Sarah sagt:

    Das ist wirklich interessant. Bald wird es ja sowieso Zeit für einen neuen Kalender. Ich werde mal schauen, ob ich ihn in der Buchhalndulung finde, ich lebe auch mit einem professionellen Klugscheisser zusammen ;)

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